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Als Poiesis (vom altgriechischen ποιέω, deutsch «machen») bezeichnen wir alle Vorgänge und Prozesse, die etwas hervorbringen. Dieses «Machen», das nicht nur menschliches Tun umfasst und deshalb nicht zweckgerichtet sein muss, ist in sich abgeschlossen. Alles poietische Tun hat einen Anfang und ein Ende, an dem ein Produkt, ein Gebrauchsgegenstand, ein Werk, eine Sache stehen. Ist der Vorgang des «Herstellens» abgeschlossen, so ist etwas Neues in der Welt, das von selbst weiter besteht und von sich aus Wirksamkeit entfalten kann. Bei Aristoteles ist Techne der Oberbegriff für alle Formen des Hervorbringens, die sämtliche Handwerke, die Künste, die Ökonomie und überhaupt alle möglichen Formen der Produktion und der Herstellung umfassen. In der griechischen Philosophie und ihrer Gliederung der Wissenschaften stehen allerdings nicht die technischen, d. h. die äußeren, beobachtbaren, materiellen Vorgänge von Entstehungsprozessen im Zentrum, sondern Poiesis ist – neben Theorie und Praxis – eine Grundform menschlicher Vernunft. Während die theoretische Vernunft das Vorhandene reflektiert und analysiert, die praktische Vernunft die Regeln unseres (politischen, moralischen, etc.) Verhaltens erstellt, fragt die Poiesis: „Was ist die Leistung des Denkens und des Erkennens, aus der alle möglichen Formen des Machens entspringen? Was ist die Grundform allen Schaffens, allen Planens und Produzierens? Was ist die Grundform aller menschlichen Kunst?“ Die Antwort bei Georg Picht lautet: der Entwurf. „Das Entwerfen ist jenes ursprüngliche Vermögen, welches den Menschen befähigt zu produzieren und zu planen, sich Häuser zu bauen, Städte zu gründen, Staaten zu bilden und jene künstliche Welt zu erzeugen, die ihm das Leben inmitten einer feindlichen Natur erst möglich macht. Das Entwerfen ist das Grundvermögen der Kunst. Das Denken ist dann eine Kunst, wenn es im tiefsten Grunde ein Entwerfen ist.“ Dieses Entwerfen ist nicht zu verwechseln mit unserem heutigen Begriff von Design. Angesprochen wird jenes Grundvermögen, das künstlerisch / gestalterisches Arbeiten genauso umfasst wie die Tätigkeit des Ingenieurs / Handwerkers, des Architekten und des Finanzspekulanten.

Ausführlicher Text: Reenacting_Poiesis