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„Nach einer tief eingewurzelten Gewohnheit des Denkens, die Kant als „transzendentalen Schein“ entlarvt hat, pflegen wir immer naiv vorauszusetzen: der Horizont der Welt, in der wir uns bewegen und orientieren, sei eine objektive Realität, die uns schon vorgegeben ist. Innerhalb dieses Horizontes bestimmt unsere theoretische Vernunft die Phänomene, die sie erkennt; innerhalb dieses Horizontes regelt die praktische Vernunft unser Handeln. Nun stellt sich aber heraus, daß dieser Welthorizont selbst den Charakter des Entwurfes hat: er muß den Charakter des Entwurfes haben, weil die Welt in der Zeit, also in Richtung auf die Zukunft offen ist. Gewiß: die objektiven Gegebenheiten, auf die wir stoßen, und mit denen wir zu rechnen haben, begegnen uns immer nur in einer Welt. Aber die Welt als solche ist uns niemals objektiv gegeben. Die perspektivischen Ausmessungen des Horizontes seines Daseins werden vom Menschen selbst entworfen, und das bedeutet zugleich, daß der Mensch aufgrund der poietischen Vernunft das unheimliche Vermögen hat, in einer falschen Welt zu leben. Die Analyse der poietischen Vernunft ergibt: die Stellung des Menschen in der Wahrheit zu der Wahrheit bestimmt sich im tiefsten Grunde nicht durch die theoretische und die praktische Vernunft; sie bestimmt sich vielmehr nach den Perspektiven jenes sich wandelnden Weltentwurfes, der allen geschichtlichen Möglichkeiten des Menschen vorangeht. Deshalb ist die poietische Vernunft das ursprünglichste Vermögen des Menschen; deshalb können wir Wahrheit nur erkennen, sofern wir über die Möglichkeiten und die Gefahren jenes poietischen Vermögens zur Aufklärung gelangen, das im Grunde unseres Denkens den Horizont, innerhalb dessen wir uns bewegen, stets schon entwirft.“

Georg Picht, Die Kunst des Denkens (1968)